Georges Simenon: Voraussetzungen fürs Romanschreiben
"Jeden Morgen punkt sechs Uhr, begann ich zu schreiben, stets ein Kapitel, jedes genau zwanzig Seiten umfassend, maschinengeschrieben, und das gab dann einen Roman. Bis zum letzten Kapitel hatte ich keine Ahnung, wie die Geschichte ausgehen würde. Beim Schreiben war ich gezwungen, die Fenster zu schließen und die Vorhänge zuzuziehen. Wenn ich an einem Roman arbeitete, der im Winter spielte, und plötzlich die sommerliche Sonne ins Zimmer drang, störte mich das, und ich verlor den Boden unter den Füßen. Ich lebte und arbeitete nur bei Kunstlicht. Und für die zwanzig Seiten benötigte ich stets die gleiche Zahl von Stunden und Minuten. Es wäre mir auch völlig unmöglich gewesen, einen Roman um fünf Uhr nachmittags zu beginnen. Ebenso konnte ich nie mitten im Kapitel aufhören, und wenn ich trotzdem dazu gezwungen wurde, mußte ich das Manuskript fortwerfen."
aus: "Er hat dem Leben mehr gegeben als genommen" von Jürg Altweg - Frankfurter Allgemeine Zeitung zum 100. Geburtstag von Georges Simenon