erzählt Thomas Hürlimann (Fräulein Stark, Vierzig Rosen, Das Gartenhaus), wurde er bereits im zarten Alter von 14 Jahren als Klosterschüler:

… “Subpräfekt Tapir erhielt vom Rektor den Auftrag, unsere Klasse zu einem Stundenaufsatz ins Freie zu führen, auf einen Hügel hinter dem Kloster, wo wir, wie der Ersatzlehrer an Ort und Stelle verkündete, eine Baumgruppe beschreiben sollten. Glücklich, der kalten Steinwelt des Klosters entronnen zu sein, legte ich los. Durch die Blätter lichterte die Sonne, milder Dunst lag überm Land, und es fiel mir leicht, die sieben Linden als Naturkathedrale zu beschreiben, aus Luft und Licht gebaut, von uralten Stämme getragen. Nach einer Stunde sammelte Tapir die Hefte ein, und hieß uns Zöglinge ins Kloster zurückmarschieren. …

Während des abendlichen Studiums bestellte er mich in seine Zelle und fragte mich listig, wo ich meinen Text abgeschrieben hätte. Vorsichtig wies ich den begnadeten Pädagogen darauf hin, er habe uns das Thema erst auf dem Hügel genannt, weshalb es mir gar nicht möglich gewesen wäre, zu einem Buch zu greifen, um mich mit fremden Federn zu schmücken. Tapir grinste meinen Einwand beiseite. Er blieb bei seiner Anschuldigung und als ich mich weiter weigerte, ein Geständnis abzulegen, wurde er handgreiflich. Ich mußte ihm die Innenflächen meiner Hände hinhalten, und während er laut und lauter fragte, wer der Dichter sei, dem ich die herrlichen Sätze gestohlen habe, hieb er mit einem vierkantigen Lineal auf mich ein. Die Handballen schwollen an, bald drohte die Haut zu platzen, er schrie, ich winselte, aber tapfer winselte ich die Wahrheit: Ich habe nicht abgeschrieben, Herr Subpräfekt, die Naturkathedrale stammt von mir.
So wurde ich mit einem Lineal zum Dichter geschagen, und wenn ich in späteren Jahren verissen wurde, dachte ich wehmütig: Wenn wir wirklich gut sind, wird es uns schmerzlich heimgezahlt.

Aus dem Beitrag “Der Ruf des Adlers - Wie ich Schriftsteller wurde” vom Autor über den Autor

vor hundertelf Jahren erschien am 22. April 1899 in der Berliner Morgenpost - Neues Berliner Lokalblat - folgender Aufruf:

“Das ärmste Ehepaar im Reich

Edmund von Hagen, der während der ersten Bayreuther Festspiele zu jenen Schriftstellern gehörte, bei denen die Begeisterung für Richard Wagner sich manchmal sogar absonderlich äußerte, befindet sich in so arger Bedrängniß, daß er uns bittet, einen “Nothschrei” zu veröffentlichen, damit er nicht gezwungen werde, sich von seiner innig geliebten, guten und treuen Frau trennen zu müssen”. Thatsächlich seien sie Beide das ärmste Ehepaar im ganzen Deutschen Reich, denn seine Gönner hätten ihn in einem Zustande gelassen, in dem 1. die Wohnung so möblirt ist, daß nur zwei kleine Tische und zwei Stühle da sind. 2. die Küche keine genügenden Töpfe besitzt, keine Eßteller, nur einen Suppenteller, 3. wir gezwungen sind, Winter und Sommer hindurch ein und dieselbe ungenügende Kleidung zu tragen und ich z.B. nicht einmal monatlich das Hemd wechseln kann, 4. unsere Nahrung nur aus Brot und Kartoffeln besteht. Vielleicht finden sich Menschenfreunde, die dem bedauernswerthen Mann zu Hilfe kommen. Edmund v. Hagen wohnt in Berlin N., Müllerstraße Nr. 165. Vielleicht auch erbarmt sich die Familie Wagner des alten Mitkämpfers.”

am Institut für Populäre Kulturen der Universität Zürich. David Signer hat die Philologin in der NZZ Ausgabe vom 18. Juli 2010 gefragt:

Was zeichnet den typischen “Frauenkrimi” aus, abgesehen von weiblichen Hauptfiguren?

“Es gibt ganz verschiedene Stile. Paretsky zum Beispiel schreibt im Stil der klassischen “hardboiled”-Krimis von Chandler und Hammet, und da fiel es zunächst besonders auf, wenn in diesem Milieu plötzlich eine Frau ermittelte, die ebenso tough war wie Marlow oder Spade. Daneben gibt es den Rätselkrimi, der auf Agatha Christie zurückgeht. Dazwischen findet sich alles andere: vom radikalfeministischen, kämpferischen Lesbenkrimi bis zum ironischen “chick-lit-mystery”.

Kann man bei Krimis männliche und weibliche Schreibweisen erkennen?

Da wird zwar immer wieder behauptet, aber ich glaube es kaum. Es gibt ja gegenwärtig gerade die Diskussion, ob die Thrille von Stieg Larsson in Wirklichkeit hauptsächlich von seiner Lebengefährtin geschrieben worden seien. Aber niemand kam vorher auf die Idee, Larssons Stil als weiblich zu charakterisieren. Gute Autoren zeichnen sich eben dadurch aus, dass sie auch über Geschlechtergrenzen hinweg imaginieren können.

In welche Richtung geht der Trend?

“Bei den sogenannten “chick-lit-mysteries”, etwa von Janet Evanovich werden Charakteristika aus “Sex and the City” oder “Bridget Jones” auf das Krimi Genre übertragen: Attraktive, erfolgreiche, wenn auch etwas chaotische Ermittlerinnen um die dreissig, umgeben von ihren Freundinnen und sexy Männern, das Ganze humorvoll serviert.”

FAZ-Redakteur Richard Kämmerlings liest lieber selber, statt sich vorlesen zu lassen. Als Leser bestimmt allein er selbst, sobald er ein Buch in den Händen hält:

“Ich bin kein Freund von Lesungen. Das hat einen einfachen Grund: Literatur ist eine persönliche Sache zwischen mir und dem Buch, und ihre Besonderheit gegenüber Musik oder Kino ist gerade, dass ich das Tempo selbst in der Hand habe. Der omnipotente Autor, der vorher alles bestimmt, hat dann nichts mehr zu melden. Noch das rasanteste Roadmovie kann ich mir in Zeitlupe vornehmen und ausladende Ritardandi schwungvoll überblättern. Wenn ich oder der Witz des Textes müde werden, wird der Deckel zugemacht.”
aus: Sodatin oder Veteran. Zornig zappen: Eine junge Hamburger Literaturnacht

Welche Autobiografie würden Sie gerne lesen?

Ich habe ein wenig bei amazon unter den Autobiografien und Lebenserinnerungen recherchiert. Auch in diesem Genre möchte der Leser von einm ungewöhnlichen oder originellen Buchtitel angesprochen werden. Und wenn ein Hinweis im Titel verrät, um welche Art der Lebenserlebnisse es geht, wird dem Käufer die Entscheidung leichter gemacht.

Ich nehme mein Leben selbst in die Hand. Autobiografie einer Optimistin.

Licht und Schatten

Meine ganzen Halbwahrheiten.

Zum Staunen geboren. Stationen eines Musikkritikers.

“Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude”. Die Geschichte eines Deutsch-Iraners, der Israeli wurde.

Der unverhoffte Engel. Die überraschende Wendung einer dramatischen Geiselnahme

Der Teufel hat den Marx gemacht: Politische Autobiografie eines unverzagten Berliners.

George. Die Autobiografie eines Engels.

Wellengang meines Lebens

Panikpräsident

Das ganze Leben umarmen

Enkelin der Maya

Mein Leben. Suchen. Werden. Finden

Zwischen Leuchtfeuer und Traumschiff.

Quäl dich du Sau!

Wie Musik. Mein Leben.

Paul Ingendaay hat den britischen Regisseur (Haus Bellomont, Am Ende eines langen Tages, Entfernte Stimmen - Stilleben) getroffen und beschreibt in seinem Artikel “Der Außenseiter” (FAZ 17.7.2010) dessen Entwicklung und die Motivation des Filmemachers:

“Eigentlich wollte ich Schauspieler werden. Ich habe keine Ahnung, wie mir plötzlich ein Drehbuch in den Kopf kam. Es war eine Geschichte, die ich genau so niederschrieb, wie ich sie in meinem Inneren empfand.”

“Wenn Sie einen bedeutenden Dichter lesen, wissen Sie sofort, dass seine Zeilen aus innerer Qual entstanden sind. Und wenn diese Zeilen das Leid schon nicht zum Verschwinden bringen können, so machen sie es wenigstens erträglich (…)
Künstler wählen verschiedene Routen und erreichen dasselbe Ziel: den Ausdruck von Schmerz.”

‘Kino bedeutet für mich, dass ein Werk nachwirkende Bilder und filmgerechte Ideen enthält, und das ist bei den allermeisten Produktionen nicht der Fall. Wirkliches Kino bedeutet formale Umwandlung, Transformation.”

sagt der Roman- und Drehbuchautor Richard Price im Gespräch mit Hannes Stein in der Literarischen Welt v. 29.5.2010

Sie sind en Meister im Schreiben von Dialogen. Hat der Umstand, dass Sie auch Drehbuchautor sind - von Ihnen stammt das Skript für Martin Scorceses Film ‘The Colour of Money’ - Ihnen beim Erfinden von Dialogen in Ihrem Roman geholfen?

“Dialoge für das Auge sind etwas grundsätzlich Anderes als Dialoge fürs Ohr. Dialoge, die Leute lesen, können viel langatmiger sein. Aber wenn ein Schauspieler diese Worte laut sagen muss, ist erstaunlich, wie viel davon sich geschrieben und nicht gesprochen anhört. Als Drehbuchautor muss man seinen Text ständig von blumigen Formulierungen reinigen. Es hört sich sonst einfach unnatürlich an.”

von Richard Price erschien im S. Fischer Verlag der Roman “Cash”

es heißt der lyriker hätte die qualität von gedichten so beurteilt:

“Aus guten Gedichten kann man heraushören, wie die Schädelnähte gesteppt werden.”

Als Opern-Regisseur ist Achim Freyer mit der Inszenierung des dreiteiligen “Ring des Nibelungen’ beschäftigt. Jordan Mejias im Interview mit Achim Freyer (FAZ v. 5.6.2010)

Hat sich Ihre Sicht auf den Ring im Laufe der langen Arbeit an Wagners ‘Tetralogie verwandelt?
“… Meine Devise ist, sich leer zu machen für ein neues Werk, alles zu vergessen, was man weiß und was man kann, und wieder neu anzufangen und zu entdecken. Dieselbe Zerstörung, die wir im “Ring” sehen, muss ich mit mir vollziehen, wenn ich an ein neues Projekt gehe.Um möglichst neu zu fragen: Wer bin ich? Was sind wir? Wo gehen wir hin? Wo kommen wir her? Wie ist die Welt entstanden? Da kann ich ja nicht kommen und sagen: Ich weiß das. Da muss ich mich mit dem Wagner beschäftigen und ihm alles ablauschen, was er sagen will, und gleichzeitig muss ich in mich hören und warten, was da kommt.”

Wie kann eine endlos wiederholte Inszenierung noch frisch, unmittelbar und überraschend wirken?

“Die Überraschung besteht ja darin, dass man sich in diesem fremden Figuren wiedererkennt. Als Zuschauer arbeitet man mit und holt aus sich heraus all die verdrängten Geschichten, die im Theater freigesetzt werden. Wenn ich da in einen Spiegel gucke, und ein anderer spielt auf der Bühne … dann denkt man: Na ja, das ist ja nur der. Die museale Idee, die immer als verstaubt angesehen und angezweifelt wird, ist eigentlich unserer Basiis, unsere Tradition, aus der wir leben und überhaupt modern sind. Es muss empfunden werden, dass diese Figuren im “Ring” antikischen, großen Atem haben, dass Götter halt Götter sind. Ich kann da nicht einen Familienvater auf die Bühne stellen, was ja immer wieder passiert: Hagen als ungefährlicher, mieser Geschäftsmann und Intrigant - was soll das denn? Es ist doch viel großartiger, wenn man sagt: Das ist ein Teil unserer Menschheit, das sind wir alle. So wird es ja viel gefährlicher und brisanter und aktueller und schockierender.”

Der Dichter wurde auf der Karibik-Insel St Luca geboren, 1992 erhielt er den Literaturnobelpreis, in diesem Jahr hat er seinen 80sten Geburtstag gefeiert,
“behandele jeden Ort
als wäre er gerade erschaffen, schon alt
doch wieder neu durch die Benennung

“Sei glücklich; du schreibst mit dem Privileg
Im Alter noch alle Sinne beisammen zu haben (…)
- sei dankbar, dass jedes Handwerk schwierig bleibt. Dies wird dein letztes Buch.”

Diese Zeilen sind seinem Langgedicht The Prodigal entnommen, auf deutsch 2007 erschienen unter dem Titel “Der Verlorene Sohn”, seine Autobiografie “Another Life” erschien in Versorm.

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