Di 21 Aug 2007
der schriftsteller als kerkermeister
Geschrieben von gerhild unter Allgemein
kennenglernt habe ich David Albahari durch Die Glühwürmchen. wie ein modernes märchen klingt diese geschichte und kurze zeit später fand ich seine gleichnishaften gedanken zum schriftsteller als herrscher über die wörter:
“Ist das Schreiben nicht der Schlimmste aller Kerker? Und ist der Schriftsteller, gleich, was er erzählt und wie er sich darstellt, nicht eigentlich ein verkappter Kerkermeister? Greift er nicht nach Wörtern unter dem Vorwand, er wolle sie aus ihrem dunklen Verlies befreien, in der einzigen Absicht, sie in eine ordentliche Satzreihe einzubauen, in einen Textkerker, dem sie nie mehr entkommen? Und tritt er dann nicht zufrieden vor das Antlitz der Welt, ruft er nicht aus, “Das ist mein Werk!”, lächelt er nicht, wenn er mit Lob bedacht wird? Und geht er nachher nicht nach Hause, stellt sich vor den Spiegel und denkt von sich als vom Herrn der Sprache, von einem, der die Wörter in Reih und Glied stellt, von einem, der entscheidet, welches Wort zu leben hat und welches nicht, als von einem, der die Wörter zum Appell ruft und den unbotmäßigen unter ihnen mit dem Ausradieren droht? Und radiert er sie nicht aus, wenn ihm danach zumute ist, gefühllos gegenüber ihrem Flehen, gleichgültig gegenüber ihrem Hoffen?
Das also bist du, sage ich zu mir im Spiegel: ein Kerkermeister. (…)”
auszug aus der erkenntnisreichen selbstbefragung des serbisch-jüdischen schriftstellers David Albahari. von ihm erschienen die romane Mutterland und Götz und Meyer und 2005 ein band mit erzählungen “Fünf Wörter” bei Eichborn.
26. August 2007 um 22:47
Nanana, warum denn so negativ… wieso denn Kerkermeister? Ist es nicht eigentlich genau
das Gegenteil? Die Gedanken und daraus hervorgehend die Worte sind Herr im Haus; nicht der Schriftsteller lenkt sie, sondern sie lenken den Schriftsteller.. so hab ichs jedenfalls immer empfunden. Oder gibts verschiedene Arten von Schriftstellern, hm? Die, die meinen, sie müssten grad alles im Griff haben… und die, die sich mitnehmen lassen….