Di 24 Jul 2007
rat einer schriftstellerin an eine junge autorin
Geschrieben von gerhild unter Allgemein
Anna Seghers (ihr bekanntester roman Das siebte Kreuz erzählt vom Deutschland der Hitler-Zeit) antwortet der jungen lehrerin und späteren schriftstellerin Brigitte Reimann auf deren bitte, den einsendeschluß für einen wettbewerb um die schönste liebesgeschichte zu verlängern, dass sie zwar den termin nicht verschieben könne, wohl aber gerne ihre geschichte lesen würde und gibt ihr noch folgenden rat:
“Schreiben Sie nur kein Sonntagsdeutsch, schreiben Sie nur, was sie wirklich denken und erleben. Schreiben Sie nur keinen falschen Pathos und keine gedichteten Artikel.”
26. Juli 2007 um 17:57
Womit sie “Nacherzählen” zur Kunst oder zumindest zur Aufgabe des Schriftstellers erhebt. Um das mal in Beziehung zum vorigen Eintrag zu setzen.
Andererseits hat Anna Seghers natürlich recht. “Sonntagsdeutsch” wäre wohl etwas, was niemand lesen wollte, jedenfalls das, was ich mir darunter vorstelle.
“Schreiben Sie nur, was Sie wirklich denken und erleben.”
Denken - ja. Erleben - nein.
Die Erlebnisse eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin sollten in seinem/ihrem Kopf stattfinden, nicht in der Realität - und vor allem nicht aus der Realität abgeschrieben sein wie ein Zeitungsbericht.
“Schreiben Sie nur keinen falschen Pathos und keine gedichteten Artikel.”
Tja, genau das meine ich. Ich bin eindeutig FÜR gedichtete Artikel.
Nicht in Form eines Gedichts unbedingt, aber in Form guter, von meiner oder der Phantasie anderer Schriftsteller/innen herausgearbeiteter Geschichten.
Pathos - nun ja, darüber kann man streiten. Manchmal ist Pathos auch ganz lustig, und manchmal ist es unverzichtbar, in den meisten Fällen aber würde ich Anna Seghers in diesem Punkt zustimmen.
Gruß,
eine Schriftstellerkollegin
6. Oktober 2007 um 18:05
Wie wahr!
Ich lade übrigens zum
Blog Karneval!!!
http://texteundtee.blogspot.com/2007/10/einladung-literatur-und-buch-blog.html
Beste Grüße!
Anni Bürkl
31. Januar 2008 um 13:59
In der Briefausgabe Nicolas Born - Briefe 1959-1979 gibt der ehemalige Herausgeber des Rowohlt Literaturmagazins auch ein paar sehr schöne Tips zum Schreiben. Zum Beispiel in einem Brief an Norbert Wehr:
“Daß Du talentiert bist, brauch ich Dir eigentlich nicht mehr zu sagen, Du bist es. Aber du mußt arbeiten, die Wahrnehmungsfähigkeit trainieren, viel lesen und schreiben, dahinter kommen wie du bist, dein Leben, was dich stört und zerstört. Deine Stärke, soweit ich es sehen kann, sind nicht große sondern kleine Wort, scharf, kantig, sie müssen weh tun. Das sind alles Gemeinplätze, beinahe. In Literatur ist nichts so wie es wirklich ist, denn das wäre dann die totale Tautologie, das Ende oder auch kurz Bestätigung = Scheiße. Wichtig, eigenartig interessant ist nur, wie es auf dich wirkt, durch dich hindurchgeht, aus dir herauskommt, sonst ist und bleibt es nur Wirklichkeit, objektiv und du kannst schon gleich alles lassen wie es ist.”
Ein paar schöne Ausschnitte aus anderen Briefen kann man auf der Internetseite “vorkosten”:
An Peter Handke
Jetzt, hier geht es mir wieder etwas besser; ich faste so gut ich kann und versuche noch, mit dem Manuskript Kontakt aufzunehmen: die Strafe für das Herumreisen = so erkläre ich mir das als ehemaliges Glied der Kath. Kirche. Es ist 3 Uhr und ich schreibe schon bei Lampenlicht, so finster ist es hier geworden. Alles Laub ist herunter von den Bäumen; im Birnbaum hängen nur noch ein paar überreife Birnen.
An Martin Grzimek
Das nenne ich nicht Resignation, sondern (vielleicht ist auch das hochstaplerisch) Skepsis. Der literarische Ausdruck ist der einer universalen Unsicherheit, einer Krisen- und Katastrophenerwartung. Vielleicht kann Literatur das Gefühl der Weltsicherheit, das Selbstbewußtsein der Krisenmanager und der Millionen Gläubigen erschüttern. Mehr kann der Schreibende nicht (wo wäre denn seine Legitimation), da er selbst ein Erbärmlicher ist.
An Hermann Peter Piwitt, aus Rom
Spürst Du wie der Roman in Dir drin sitzt, so daß Du Dich eigentlich nur zu schütteln brauchst? Ich sehe hier den grünen Vorhang zwischen Ateliers und Herrenhaus und sehe darin nicht den geringsten Anlaß, ihn zu beschreiben. Es bleibt immer weniger übrig. Die verhunzte Tibermündung, kein Anlaß mehr darüber ein Wort zu verlieren. Ich suche jetzt das, was übriggeblieben sein muß.
www.nicolas-born.de
23. Januar 2009 um 11:17
Hallo
Nun ich weiss nicht ob solch beiträge sinnvoll/gestattet sind, aber ich würde mich freuen mehr von Seghers lesen zu können. “Das siebte Kreuz” war meiner Meinung nach ein gut geschriebenes Buch welches eindeutig meine Aufmerksamkeit erregt hat.
MFG, Chris