Di 17 Jul 2007
Rosen und Camilleblümelein-Lyrik
Geschrieben von gerhild unter Allgemein
heute morgen in der Frankfurter Anthologie: zwei dichter Eduard Mörike (mit seinem edicht “Restauration - nach Durchlesung eines Manuskripts mit Gedichten”) und Wolf Wondraschek (der darüber und über eine amateurpoetin schreibt, die ihn um eine beurteilung ihrer verse bittet). ein jahrhundert liegen zwischen den dichtern, ihre einstellung zur alltagspoesie jedoch ist gleich. da lassen sie beide so richtig ihren ekel gegen “welke Rosen und Camilleblümlein”-poesie raus. da haben sie wirklich was zu leiden: Mörike heilt sich von der süßen dichterei mit einem scharfen rettich, Wondraschek durch analytische erkenntnisse:
“Es gibt nichts Schlimmeres als poetische Poesie, dieser literarischen Mogelpackung par excellence, und bei weitem nichts Verlogeneres als das Aroma fliederfarbener Tränen und Traurigkeiten. Es reiht sich, gewöhnlich ist das so, Klischee an Klischee - und jedes todernst gemeint.”
Rolf Wondraschek sagt aber auch was dichterpflicht ist:
“Genau das ist sie, die Pflicht eines jeden Dichters, Genauigkeit, Präzision! Umso mehr, wenn es um das Gefühlte geht, das nur Geahnte, das in der Liebe kaum je Begriffene, die Musik der Halbtöne, das leise Verklingen jener Melodie, die wir alle am besten hören mit dem Herzen. (..) Und keine Vergleiche, keine Verblasenheiten. Gefühle nicht mit Gedanken verwechseln und im Inhalt einer Dosensuppe nicht nach Sternen fischen wollen.”
Schon wegen dieses poetischen Vergleichs müsste eine gekränkte amateurlyrikerin dem dichter Wondraschek die innere kränkung verzeihen…
19. Juli 2007 um 11:36
Hallo Gerhild
Solche Anregungen sind Gold wert, - sowohl für jene, die mit dem Kopf nicken als auch für jene, die ihn gekränkt schütteln.
(Eben bin ich auf dein Tieger-Blog gestossen, finde die bisherigen Beiträge interessant und bin auf die weiteren gespannt…)
Gruss Kiryl
19. Juli 2007 um 12:47
hallo,
es geht mir wie Kiryl, ich bin fasziniert.
gruss ilse
26. Juli 2007 um 18:46
“Es reiht sich, gewöhnlich ist das so, Klischee an Klischee - und jedes todernst gemeint.”
“Genau das ist sie, die Pflicht eines jeden Dichters, Genauigkeit, Präzision!”
O ja! Wie wahr ist beides. Wahre Dichter wissen halt Bescheid.
Leider werden Gedichte oft als “leichter” empfunden, leichter zu schreiben zumindest, weil kurz und zeitsparend.
Für viele Amateurpoet/inne/n scheint das zumindest so zu sein. Sie schreiben ein paar Zeilen in Gedichtform, sprich, sie machen einfach nach ein paar Wörtern jeweils eine neue Zeile, von Form oder Reim keine Spur - gut, Reime müssen nicht sein - und nennen das Ganze dann ein “Gedicht”.
Daß ein Gedicht vielleicht oft mehr Zeit und Aufwand erfordert als ein Roman von 100.000 Wörtern, davon haben sie keine Ahnung.
Und Präzision? Wo denn? Da wird einfach geschwafelt und Klischee an Klischee gereiht, wie Mörike es schon beobachtet hat. Keine Genauigkeit, keine neuen Wortkreationen, nein, immer nur das alte Lied in noch nicht einmal neuer Form. Banalität wird auf Banalität gehäuft, Alltagserfahrung auf Alltagserfahrung, Trauer und Leid in Bildzeitungsmanier.
Nein, so stelle ich mir kein Gedicht vor.
Ein Gedicht sind harte Arbeit, Schweiß und Tränen, Ringen um Worte, Erfahrungen, die über das Alltägliche hinausgehen und dadurch in poetische Höhen gehoben werden. Wahre poetische Höhen, nicht einfach das Drücken der Enter-Taste.
Ein Gedicht ist tausendmal Überarbeitung und immer noch nicht zufrieden sein. Ein Gedicht faßt das, was ein guter Romanautor auf 1000 Seiten (tausend, nicht hundert) verteilt, auf einer Seite zusammen.
Ein Gedicht muß mich erschlagen, wenn ich es lese. Mit seiner Wortkraft, seiner inneren Gespanntheit, seiner Explosion des menschlichen Genius.
Wie selten ist das der Fall.
Gruß,
eine Schriftstellerkollegin
(leider keine Dichterin)